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Zu Beginn war es ein Schock: mit Fremden eine Zelle zu teilen, nicht zu wissen, wie lange noch. 24 Stunden am Tag dieselben Menschen zu sehen, zu hören, zu riechen – Männer, die „gerade an einem schwierigen Punkt in ihrem Leben angelangt sind„, wie Markus Drechsler meint. Das war die U-Haft. Mit dem Urteil wegen eines Gewaltdelikts kam immer noch keine Gewissheit, wann er wieder frei sein würde.

Das Gericht stufte ihn als geistig abnorm ein, er kam in den Maßnahmenvollzug. Und das heißt: unbefristete Haft. Seit drei Jahren ist die Justizanstalt Mittersteig Drechslers Wohnadresse. Wie lange noch, weiß er nicht. Darüber nachzudenken würde ihn verrückt machen, darum „nehme ich es buddhistisch„: „Ich bin hier, kann es nicht ändern, also mache ich das Beste draus.“ Vormittags arbeitet er in der Gefängnisbibliothek. Er hat ein Studium begonnen. Er liest viel und schreibt Tagebuch. Trotzdem „ziehen sich die Nachmittage ziemlich„, sagt er. Beim Warten auf das Ungewisse wird die Zeit allmählich zu Blei. „Wer frisch reinkommt, ist noch motiviert„, sagt Drechsler – motiviert zu lesen, zu arbeiten, regelmäßig zu duschen. „Dann resignieren viele und sagen: „Ist eh wurscht, was ich mach‘ – es ändert sowieso nix.“ Die Zeit vergeht dann noch langsamer.

Derzeit hat Drechsler einen Termin, auf den er hinarbeiten kann: seine Anhörung vor Gericht, die nächste Chance auf Entlassung. Geht sie schlecht aus, muss er hierbleiben – auf unbestimmte Zeit. Doch daran denkt er jetzt einmal nicht.

(Maria Sterkl, DER STANDARD, 6.12.2014) – derstandard.at/2000009047591/Ueber-langes-Warten-kurze-Intervalle-einZeitloch-und-ein-Zweitaktleben

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