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Eine Kritik von Christian Schober

Es war der Donnerstag und ich war mir erstmals meiner verzweifelten Situation bewusst. Die von Freunden beim Besuch in der Justizanstalt Mittersteig so oft versprochene Arbeit gab es nun nicht, und war damals nur zu meiner Beruhigung gedacht. So fiel mir wieder ein, dass ich nun endgültig allein bin, kein Geld und auch kein soziales Umfeld habe. Und wenn ich Arbeit finde, dann nur Arbeit die sonst kein Schwein machen will, geschweige überhaupt jemand längere Zeit aushält. Im Falle von solchen Rückschlägen legen ich mich einfach nieder und lasse meinen Geist im Schlaf diesen Zustand reparieren. Kaum war ich erholt aufgestanden, läutete mein Handy. Es meldete sich eine Dame einer Leasingfirma und sagte: „Herr Schober, Sie suchen einen Job als Betriebselektriker? Können Sie am Donnerstag zu mir kommen?“ Ich konnte am Donnerstag nicht, sie nahm das schockiert zu Kenntnis.

Ja so sind halt die Personal-Leasing Firmen: sie verdienen sich mit deiner Arbeitskraft dumm und dämlich, und dann sind sie ganz überrascht, dass man nicht sofort springt, wenn sie einen Termin vorschlagen. Wir einigten uns dann auf Montag den ersten Februar, acht Uhr. Als ich 15 Minuten zu früh das Personalvermittlungsbüro betrat, wurde ich gebeten, meine Unterlagen und Zeugnisse abzugeben. Danach musste ich einen Personalfragebogen ausfüllen. Zirka fünf Minuten nach acht Uhr kam die Dame mit der ich den Termin hatte. Sie war anfangs recht angetan, denn in der  Justizanstalt Mittersteig hatte ich alle sich bietenden Weiterbildungsmöglichkeiten (ECDL Computerführerschein, Sprachkurse, …) wahrgenommen. Als wir dann zu dem Punkt kamen, dass ich vorbestraft bin, und zehn Jahre im Irrenhaus war, hatte das Gespräch auch schon sein Ende genommen. Ja, keiner kennt die Maßnahme und das man drei Jahre Strafe bekommt, und dann zehn Jahre sitzt, lässt sich in kurzer Zeit auch nicht gut erklären. Mir wurde versichert, dass mein zukünftiger Arbeitgeber nur nicht Vorbestraften Interesse habe. Ich bedankte mich höflich und die Frage, ob ich die restlichen Zeugnisse noch nachsenden sollte, wurde verneint.

Dass wiederum ist ein eindeutiges Zeichen, dass diese Dame nun zwar alle meine Daten hat, aber an meiner Arbeitskraft nie ein aufrichtiges Interesse haben wird. Ich war anfangs gar nicht so richtig frustriert. Ich stellt mir nur so beiläufig die Frage: „Wird diese Strafe je ein Ende haben?“ Nein, denn bereits in der Bibel steht: „Hüte dich vor denen, die Gott gezeichnet hat“

Natürlich war es nicht der Ausgang der Geschichte den ich mir vorgestellt hatte. Aber ich habe ja im Häfn genug Leute kennengelernt und kann schlimmstenfalls noch als Dealer arbeiten. Wie dem auch sei, ich fuhr in meine Wohnung und holte mir meinen Führerschein ab. Und dachte mir: „Am Donnerstag warst Du in der Fahrschule, und am Mittwoch darauf hattest du den Führerschein! Also das soll Dir einer einmal nachmachen!“ Aber es geht ja auch gar nicht mehr darum, meine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, sondern um die Tatsache, dass man nicht nur mit einem Urteil und dem Maßnahmenvollzug bestraft wird. Es wird vermutlich gar keine Möglichkeit mehr geben, dass ich ein unbeschwertes und sinnvolles Dienstverhältnis finden kann. Ich bin also quasi ein Maßnahmen-Zombie. Wie es weiter geht, weiß ich nicht. Aber ich werde alles denkbare unternehmen, damit ich die letzten zehn Jahre bis zu meiner Pension nicht vor die Hunde gehe.

Alles Negative hat auch etwas Positives, und so kann ich nächste Woche zumindest meiner AMS-Betreuerin meinen Führerschein und meine erste Bewerbung vorlegen. Wenn jemand glaubt, es wird Ex-Häftlingen leicht gemacht, der glaubt auch noch an den Weihnachtsmann. Wir helfen Flüchtlingen, ohne zu wissen ob die vorbestraft sind und ohne es zu kontrollieren. Aber die Leute die ausgebeutet werden sollen, die sieht man sich in Österreich ganz genau an.

Der Begriff „vorbestraft“ ist so hirnrissig, wie das Märchen man wird im Gefängnis resozialisiert und auf das Leben in Freiheit vorbereitet. Die Medikamente die ich nehmen muss, dürfte ich gar nicht nehmen, weil ich zuckerkrank bin. Kein Mensch hat sich noch für meinen Blutdruck interessiert, obwohl ich schwer hypotonisch bin. So sieht nämlich die Realität der Resozialisierung aus. Maßnahmen-Untergebrachte sind für Arbeitgeber nur wie Ketchup-Flaschen: wenn sie leer sind, schmeißt man sie weg. Sklaven muss man kaufen – Angehaltene bekommt man günstig. Dafür gibt es dann von der Pharmaindustrie an den richtigen Stellen einen Taschlwetz. Das Resozialisierungs-Märchen, von dem träumen nur Weltfremde oder Idioten.

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