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rorschach1Der Rorschachtest, auch Tintenklecks-Test, ist wohl der bekannteste unter den psychologischen Testverfahren. Er wurde 1921 von dem Schweizer Psychiater und Psychoanalytiker Hermann Rorschach entwickelt. Er ist ein sogenannter „projektiver Test„, ein Test bei dem anhand der Tintenklecks-Bilder vom Probanden Interpretationen abgefragt werden und aus diesen Antworten sollen Rückschlüsse über seine Persönlichkeit ermöglichen werden.

Ein Fall aus der Praxis

Ein Untergebrachte im Maßnahmenvollzug, Johannes E. (Name von der Red. geändert), wunderte sich über ein Gutachten, dass zum Verfahren seiner bedingten Entlassung herangezogen wurde. In diesem Gutachten verwendete der Sachverständige Albert E.  (Name von der Red. geändert) den Rorschachtest um seine Befundung zu untermauern.

Johannes E. wollte nicht akzeptieren, dass eine derart veraltete und kontroverse Methode, bei der für ihn sehr wesentlichen Frage zur bedingten Entlassung, eingesetzt wird. Er erachtete das Gutachten an sich als nicht state-of-the-art und klagte den Gutachter mit folgender Begründung:

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Eine Stellungnahme des Anwalts des beklagten Gutachters blieb nicht lange aus. So liest man dort:

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So weit, so gut. Ergänzend brachte der Anwalt weiters vor:

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An dieser Stelle darf sich der Leser fragen, weshalb der Anwalt als Begründung gerade die Ansicht der „Österreichischen Rorschach-Gesellschaft“ einbringt. Dass diese dem Testverfahren naturgemäß positiv gegenübersteht, ist nicht überraschend.

Im Zuge der Recherchen zum Rorschach-Test erhielten wir folgende Aufarbeitung der wissenschaftlichen Fakten und Kommentierung des Verfahrens eines angesehenen Psychologen und Gerichtssachverständigen (Name der Red. bekannt):

Von „Rorschach- Zauberern“, die 75% gesunder Probanden als „emotional
gestört“ beschreiben (Wood et al., 2003, S.259)

Der wissenschaftliche Stellenwert projektiver Verfahren (zu denen auch „der
Rorschach- Test“ zählt), lässt sich an den Vorlesungsverzeichnissen erkennen.
Im Wintersemester 2005/ 2006 wurden projektive Verfahren in 86% der
Ausbildungseinrichtungen für Diplompsychologen in Deutschland, Österreich
und der Schweiz mit keinem Wort erwähnt. Dementsprechend heißt es auch im Standardlehrbuch der „Psychologie der Persönlichkeit“ von Asendorpf (2005, S.214): „Projektive Tests sind eine äußerst umstrittene Methode der Persönlichkeitsmessung…„. Und in „Psychologische Diagnostik“ von Schmidt- Atzert & Amelang (2012) wird noch hinzugefügt, es handle sich um „einen psychometrischen Albtraum, also Verfahren mit völlig unzulänglichen Gütekriterien„. Der Rorschach- Test stimmt mit psychiatrischen Diagnosen nur schlecht überein (ebnd., S.304).

Seit der Publikation der 10 Rorschachtafeln z.B. auf Wikipedia, kann sich jeder Proband entsprechend vorbereiten. Die jahrzehntelange Behauptung, dass projektive Verfahren weniger Verfälschbar wären ist längst wiederlegt. Auch in den kommenden Jahren wird das Standardwerk: „Clinical assessment of malingering and deception“ (Roger, Richard, 3. Auflage, 2008) weltweit das Standardwerk der Beschwerdevalidierung darstellen (Goldstein, John; Jay College of Criminal Justice, City University of New York). Ebendort befasste sich Kenneth W. Sewell (2008, p. 207- 217) ausführlich mit der Fälschungssicherheit projektiver Verfahren.

Wenn nunmehr die Obfrau der österreichischen Rorschach Gesellschaft, Dr. Irmgard Slanar, eine Übersetzung des „Rorschach Arbeitsbuch für das Comprehensive System. Deutschsprachige Fassung des „A Rorschach Workbook for the Comprehensive System – Fifth Edition“ von John E. Exner Jr. 2010, vorlegt, so sind die von Sachverständiger Albert E. diesbezüglichen Internetausdrucke bestenfalls als Werbebroschüren zu bewerten. Das o.a. Lehrbuch „Psychologische Diagnostik“ von Schmidt- Atzert & Amelang (2012, S. 304, S.589), zitiert diese Übersetzung und stellt dennoch fest, dass der Versuch mit
dem Rorschach- Test Psychopathen zu erkennen enttäuschend ausfiel. Als Übungsfrage (Nr.: 56, S.309) wird nochmals festgehalten: „Wie gut ist der Rorschach- Test geeignet psychiatrische Störungen zu erkennen?“ (Antwort: s.o.). Die zusammenfassende Lehrbuchmeinung im Fachbereich Psychologische Diagnostik lautet (S. 308): „Psychometrisch völlig unzulängliches Verfahren„.

Herrn Univ.-Prof. Mag. Dr. Klaus Kubinger von der Universität Wien stellt fest,
dass „unabhängig davon … dass die … in Kraft getretene DIN 33430 nur für Deutschland unmittelbar rechtskräftig ist, sich nur auf die berufsbezogene Eignungsdiagnostik beschränkt und nur für diejenigen zunächst gilt, welche in angekündigter Weise nach DIN vorgehen: Diese DIN 33430 ist die jeweils „nächste Rechtsnorm“ und wird daher in Streitfällen von Gerichten
herangezogen werden! Wissenschaftlich nicht nachvollziehbare Begutachtungen laufen dementsprechend in Zukunft Gefahr, gerichtlich aufgehoben zu werden.“ (Kubinger, 2004, S.93).

Das Konstrukt, auf das sich ein Test bezieht, sollte in einen theoretischen Rahmen eingebettet sein (Standards für pädagogisches und psychologisches Testen, 1998, S.11).

Das Wahrnehmungsexperiment Rohrschachs (1921) ist nicht aus einer in sich stimmigen und empirisch untermauerten Persönlichkeitstheorie hervorgegangen“ (Wittkowski, 2011, S. 246). Ebendies trifft auch auf das „Comprehensive System“ (CS) von Exner zu. Das CS ist keineswegs ein methodisch stimmiges Messinstrument, da sich seine Reliabilität nur auf die zeitliche Stabilität, aber nicht auf die interne Konsistenz bezieht. Die Auswerterübereinstimmungen werden zwischen mäßig bis schlecht eingeschätzt. Die
Befundlage zur kriterienbezogenen Validität des Rorschach- Tests“ erweist sich als „uneinheitlich und widersprüchlich„.

Mindeststandards für psychologische Untersuchungsverfahren
Grundsätzlich ist hierzu anzuführen, dass sich österreichische Sachverständige methodischer Mittel zu bedienen haben, welche in den maßgeblichen
Fachkreisen „als zweifelsfrei richtig und zuverlässig anerkannt sind“ (Attlmayer & Wiesentreu, 2006, S.15). Nunmehr wird das Rorschach-Verfahren seit Jahrzehnten heiß umkämpft. Drenth (2008, S.537) spricht hierbei von pseudowissenschaftlichen Experten, welche ehemals populäre Verfahren oder Tests verwenden, deren Gültigkeit immer wieder in Frage gestellt wurde (Rorschach, Baumtest, Graphologie). Er spricht hierbei von Relikten aus dem Psychomuseum (2001, S. 216f).

Das Rorschach- Tintenklecks „Verfahren“ ist für eine Kriminalprognose weder valide, noch geeignet (vgl. BGH, Urt. vom 30. Juli 1999 -1 StR 618/98 – LG Ansbach, Boetticher et al., 2005, 2007, 2009, vgl. DIN-33430 als nächste Rechtsnorm).

Ein wesentlicher Faktor für die Qualität von Prognosegutachten ist die Eignung
und Validität psychologischer Tests (NStZ, 2006, S.542). Die vom Gutachter gewählte Untersuchungsmethode muss dem aktuellen Kenntnisstand gerecht werden (NStZ, 2006, S.540). Dementsprechend müssen „die Standards für pädagogisches und psychologisches Testen“ (Häcker et al., 1998) erfüllt sein. Der Stand der Wissenschaft bzgl. dem Rorschachtest ist in: Wood, James M.; Nezworski, M. Teresa; Lilienfeld, Scott O.: “What´s wrong with the Rorschach?: Science confronts the controversial inkblot test”, John Wiley & Sons, 2003 dargestellt.

„The Rorschach culture“ is „a belief system that mimics a minor religion“ (Wood et al, 2003, S.257): 

Selbst Befürworter wie Irving Weiner halten fest, dass das Rorschach- Tintenklecksverfahren, kein diagnostischer Test ist, hierfür nicht entwickelt wurde und somit als diagnostischer Test nicht gut funktioniert (Wood et al., 2003, p. 307).

Tatsächlich erwies sich die Suche nach neurotischen Zeichen als nur kurze und
keineswegs ruhmreiche Periode der Rorschachforschung (Wood et al., 2003, p.
109). Auch die österreichische Lehre in Bezug auf psychologisches
Diagnostizieren steht dem Rorschachtest „grundsätzlich äußerst kritisch
gegenüber (Kubinger, 2009, S.277).

Im Hinblick auf diagnostische Ansätze werden psychodynamische Konzeptionen meist mit projektiven Tests in Verbindung gebracht … Den projektiven Verfahren kommt in der Praxis … heute keine nennenswerte Rolle mehr zu: Wenn überhaupt, dann dienen sie weniger als Testverfahren zur Feststellung von Merkmalen und ihrer Ausprägung, sondern als Explorationshilfe, vor allem bei Kindern“ (Kubiak & Weber, 2006, S.69). „Projektive Verfahren werden also in der aktuellen psychologischen Diagnostik relativ kritisch gesehen, weil sie in Bezug auf die klassischen Gütekriterien Objektivität, Reliabilität und Validität entweder kaum untersucht sind oder schlecht abschneiden. …Festzuhalten ist, dass sich projektive Verfahren als Kommunikationsstrategien gut eignen, jedoch nicht zur Persönlichkeits- oder Merkmalsdiagnostik im engeren Sinn verwendet werden sollten“ (Rentzsch & Schütz, 2009, S. 66).

Zusammenfassend wurde das „Rorschach Arbeitsbuch für das Comprehensive System“ 2010 auf Deutsch publiziert. Als nächste Qualitätsnorm wäre hier zweifelsfrei die DIN 33430 heranzuziehen. Stattdessen werden hier die amerikanischen Normen ohne Überprüfung herangezogen. Selbst ein Laie kann sich diesbezüglich auf Wikipedia informieren: „Beim Vergleich der normativen Daten des nordamerikanischen Exner-Systems mit europäischen oder südamerikanischen Testpersonen ergeben sich teils Unterschiede bei wichtigen Variablen, während z. B. die durchschnittliche Anzahl der Antworten gleich ist.Die Unterschiede bei der Qualität der Formen ist teilweise kulturell bedingt.

Tatsächlich erzeugte ein massiver Fehler bei der Erstellung von den CS-Normen durch Exner ungenaue Eichstichproben- Ergebnisse. Mehr als 10 Jahre lang wurde behauptet, dass die Eichstichprobe aus 700 Datensätzen bestünde. Tatsächlich basierte sie auf 479 Probanden. Ein von Exner angestellter Techniker hat 700 verschiedene Fälle in das Statistikprogramm eingegeben, den falschen Knopf gedrückt und duplizierte hierdurch die 200 zuvor eingegebenen Fälle, anstelle von 200 Neuen (Wood et al., 2003, S.240f).

Welche Normen nunmehr in Österreich herangezogen werden ist unerheblich, solange keine deutschsprachige Normierung vorliegt, welche der DIN 33430 entspricht.

Weltweit gilt heute das eingehend validierte und replizierte Persönlichkeitsmodell der „Big Five“ oder des „5- Faktoren- Modells der Persönlichkeit“ (FFM) als das Persönlichkeitsparadigma (vgl. DSM-5, S.1062). Wer sohin die  Persönlichkeitsmerkmale von Häftlingen im Maßnahmenvollzug wissenschaftlich fundiert beschreiben will, dem stehen vielfältige Untersuchungsmethoden zur Verfügung. Sicher ist, dass: „Spekulationen, esoterisches Wissen, usw.“ nicht in ein Sachverständigengutachten einfließen dürfen, „da hierdurch gegen das Prinzip der materiellen Wahrheit verstoßen würde“ (Attlmayr; 2006, S.15).

Nach Vorliegen aller Stellungnahmen und Schriftsätzen entschied das Gericht, dass nun ein Sachverständiger das Gutachten von Albert E. prüfen soll. Wir werden über den weiteren Verlauf der Verfahrens berichten.

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