Bühnenbild Nachrichten aus dem Schleudersitz

 

Mutig. Sehr mutig, welcher Themen sich Regisseur Josef Maria Krasanovsky und die Darsteller der Compagnia Luna, insbesondere zweier tatsächlich Betroffener, angenommen haben. Gewalt, Missbrauch und Ekel sind die mit Sicherheit am Schwersten darzustellenden Themen und nebenbei selten Kassenschlager. Spielsucht, sexuelle Gewalt in der Familie bis zum Inzest, Missbrauch unter kirchlicher Obhut, Prostitution und die Wege in dieses bizarre Geschäft wurden heute im kleinen, feinen KosmosTheater gegeben. Von deratigen Themen Traumatisierte sei der Besuch der Vorstellung nur unter Vorbehalt angeraten. Wer seine Themen nicht aufgearbeitet hat läuft bei „Nachrichten aus dem Schleudersitz“ Gefahr, getriggert zu werden, also an Erlebnisse erinnert zu werden, die einen überwältigen und in tiefe Krisen stürzen können. Ich wage das beurteilen zu können, da ich zu vielen der vorgetragenen Geschichten konkrete Bilder im Kopf habe, diese Zeilen also als teils Betroffener schreibe.

Und als solcher bin ich auch dankbar, dass sich dieser Themen einige beherzte Menschen angenommen haben, sich der großen Herausforderung gestellt haben. Denn heute abend wurde thematisiert, wovon die Wenigsten sprechen wollen. Endlich kommen jene zu Wort, die wirklich etwas dazu zu sagen haben, die Opfer und Betroffenen. Wird allgemein nur über Opfer gesprochen, wurden heute deren Geschichten erzählt. Ungeschminkt und schrill, teils bizarr und extrem aber immer den schmalen Grat der Menschlichkeit im Auge. Manchmal verstörend aber ohne Gefahr zu laufen, das Publikum wirklich zu traumatisierten. Besonders beeindruckend die Darstellung von Neustädter Rosi und Annabelle, deren Mut bewundernswert ist. Es braucht eine Menge Reflektiertheit und Mut, sich auf eine Bühne zu setzen und aus dem eigenen Leben zu schildern. Zu schildern, dass man auf dem eigenen Leidensweg vergewaltigt wurde, anbrunzen 150 Schilling, blasen 500 mit, 700 ohne und Oaschbudern soundsoviel gekostet hat. All das aus jenen Zwängen, die ihnen ihr Leidensweg oktroyiert hatte. In jener Würde, die ihnen gebührt. Respektvoll und manchmal sogar witzig. Sogar die legendäre „wilde Wanda“ bleibt aus erster Hand sehr realitätsnah verewigt. Hut ab vor diesem Mut und dieser beeindruckenden Darstellung. Oft bedrückend und daher manchmal schwierig zu fassen. Wie das Leben eben manchmal auch sein kann.

In kargem Ambiente, auf das Wesentliche reduziert, teilen sich Claudia Carus, Simona Sbaffi, Benjamin Kornfeld und Gernot Piff Erzählung und Darstellung der unfassbaren Geschichten auf. Ritzen, Blut, Dominanz, Unterdrückung, Hilflosgikeit, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung. In starken und dem Thema entsprechend manchmal verstörenden Bildern. Dramatisch und oft überzeichnet, mit vollstem Körpereinsatz bis zur Nacktheit soll das Unbegreifliche dargestellt werden. Das dies funktioniert, zeigen die Ovationen am Ende des Stücks und die spürbare Betroffenheit der Zuschauerinnen, die nach der Vorstellung die Texte am Bühnenbild lesen gingen. Diese Darbietung hat mit Sicherheit niemanden kalt gelassen. Für Unbetroffene sicher ein schwer fassbares Erlebnis, aber auch ein kleiner Einblick in die schonungslose Realität mancher Lebensgeschichten, die ansonsten medial eher abwertend behandelt werden. Ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, hin zum Verständnis für Überlebende. Für Betoffene an die Grenzen gehend schonungslos, aber immer respektabel und der Realität oft traurig nahe. Schade ist einzig, dass nicht mehr Vorstellungen als jene sechs im Oktober geplant sind.

p.s. in eigener Sache: Recht sprechenden und mit Opfern und Tätern arbeitenden Menschen möchte ich den Besuch des Stücks besonders ans Herz legen. Es vermittelt eine Ahnung vom Leid, das hinter mancher Lebensgeschichte steckt. Dass oft rechtzeitige Hilfe angebrachter wäre als sinnlose Verfolgung und Verwahrung.

 

 

Nachrichten aus dem Schleudersitz

Mit: Claudia Carus, Benjamin Kornfeld, Gernot Piff, Simona Sbaffi
Konzeption & Inszenierung: Josef Maria Krasanovsky
Textmitarbeit: Johanna Dohnal, Paula Resch
Dramaturgie: Regina Laschan
Produktion: Simon Hajós
Regieassistenz: Johanna Weber
Hospitanz: Elisaveta Kischilov, Anna Lun, Verena Punz

http://kosmostheater.at/cgi-bin/kosmos/event/event.pl?id=285#

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