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Wenn man so in der Maßnahme sitzt, ist die Hoffnungslosigkeit das tägliche Dasein. Wann werde ich entlassen? Was muss ich tun, um das zu erreichen? Wie werde ich resozialisiert?

IMG_6287Ein Text von Christian Schober

Viele Fragen keine Antworten. Schon gar nicht von jenen, die dir jährlich deine Gefährlichkeit prognostizieren. „Sie müssen bloß ihre Gefährlichkeit abbauen“, erfährt man in der Justizanstalt Wien-Mittersteig beim Besuch der sogenannten „Basisgruppe“, einer mehrwöchigen Informationsveranstaltung. Als ich es wagte die Frage zu stellen wie ich das am besten mache, bekam ich zur Antwort: „Da müssen sie selbst draufkommen!“ Also habe ich es wieder einmal mit Menschen zu tun, die ausschließlich geistigen Dünnschiss von sich geben. Man bekommt dann im Laufe der Jahre mit, dass die Situation ziemlich hoffnungslos ist.

Unbegreiflich war es mir, warum Mörder, die ihrer Mutter den Kopf abgeschnitten haben, vor dem Strafende entlassen werden. Ich vermute, es war der Persische Geldadel, denn das Benehme dieser Person war weder von Reue noch Einsicht geprägt. Und auch sonst wusste sich der junge Mann täglich daneben zu benehmen. Nur eins ist gewiss, der verzogene Balg wird nach der Entlassung keine finanziellen Probleme haben.

Ein Problem, das die meisten von uns aber haben werden. Wo finde ich Arbeit? Wie mache ich es meinem Arbeitgeber klar, dass ich dreimal pro Woche, wegen der Auflagen der bedingten Entlassung, während der Arbeitszeit gehen muss. Also ich sehe eine große Chance in Leihfirmen – quasi als „Sklave der Neuzeit“: man hat dann sozusagen den Stellenwert einer Nutte. Wenn es Arbeit gibt, werden dich die Auftraggeber nach Strich und Faden ausnutzen. Für jede Drecksarbeit bist du der gern gesehene Mann. Mal ehrlich, haben wir Entlassenen aus der Maßnahme nicht gerade die beste Schulung genau dafür hinter uns?

Ein Mensch zweiter Klasse der kaum Rechte hat und wenn, nur theoretischer Natur. Man nennt uns am Arbeitsmarkt „Leasinger“. Die Fixangestellten sind gut informiert was die Arbeitsaufgaben betrifft. Der Leasinger eher nicht. Keine rosigen Aussichten. Schon am Mittersteig dachte ich mir, wenn so ein Trottel von Justizbediensteter wieder einmal sein unglückliches Leben auf meinen Buckel schöner machen wollte, „Du bist bloß ein armseliges Würstchen, das in der Privatwirtschaft keine Chance hätte“. So mache ich es auch mit meinen Kollegen, die sich täglich an mir abputzten. Oft verwickle ich sie dann in Fachgespräche. Und es freut mich riesig, dass zwar mein „Chef“-Baustellenleiter sehr gut informiert ist, aber ein Fachwissen hat, das nicht einmal für die Gesellenprüfung reichen würde. Was will ich damit sagen?

Vergesst eure Träume was die Arbeit betrifft. Die Scheiße geht draußen reibungslos weiter. Von den Machthabern ist es jeden vollkommen egal wie ihr Arbeit bekommt. Keine Unterstützung von Irgendjemand. Mir ist diese Information sehr wichtig, denn nur wer in der Realität lebt, kann sich der auch stellen. Die Anlaufstellen wie AMS, Sozialamt, Wohneinrichtungen oder Bewährungshilfe, die ihr nach der Entlassung besuchen müsst, haben kein Interesse. Du bist für sie ein Klient – und mehr gibt es nicht. Es gibt in der Justiz keine Resozialisierung oder Unterstützung nach der Haft. Nur Kontrollen, die eine normale Arbeit nahezu unmöglich machen. Ob du hungerst oder deinen Zins und die Heizung zahlen kannst, ist allein dein Problem. Also, wenn dir jemand von den ach so klugen Fachdiensten (und dort bilden sich besonders viele ein, dass sie besonders klug sind) sagt: „Wir resozialisieren dich“, so frage doch wie das gehen soll? Ob die gesellschaftliche Eingliederung mit 23 Stunde am Tag in einer überfüllten Zelle eingesperrt zu sein beginnt, oder mit dem jahrelangen Anhalten über die Strafzeit hinaus?

Keine Haftanstalt und kein Irrenhaus kann aus irgendjemand einen besseren Menschen machen. Bei guter Arbeit, netten Kollegen und einem zufriedenen Leben kann man leicht ein guter Mensch sein. Dir wird dafür aber nicht die Zeit bleiben, denn du musst ums nackte Überleben kämpfen. Egal, ich habe mich dieses Jahr durchgequält und werde auch in den nächsten Jahren kämpfen.

Bad News are good News“ und dafür habe ich ja heute wohl gesorgt.

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