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Hubka 1Ein Erfahrungsbericht von Dr. Christine Hubka
1950 geboren in Wien, Dr. theol., evangelische Pfarrerin i. R.; derzeit Gefängnisseelsorgerin in der Justizanstalt Josefstadt in Wien. Gründerin des Evangelischen Flüchtlingsdienstes. Preisträgerin des Bruno Kreisky Menschenrechtspreises. Autorin zahlreicher Sendungen im ORF-Radio und mehrerer religionspädagogischer Fachbücher sowie Kinderbücher.

 

 

Schlecht gebildete Menschen kommen häufiger in Haft

5Was Wilhelm Busch so genial vor über hundert Jahren gedichtet hat, erweist seine tiefe Wahrheit vor allem auch im Strafvollzug. Fast genau zwei Drittel der österreichischen Insassen haben laut Bericht über den Strafvollzug (2011) nicht mehr als höchstens einen Pflichtschulabschluss. Nur neun Prozent haben Matura oder einen höheren Abschluss. In der Gesamtbevölkerung sind es 24 Prozent.

Zudem ist im Strafvollzug der Anteil jener Menschen, die   von „funktionalem Analphabetismus“ betroffen sind, deutlich höher als in der übrigen Gesellschaft.[1]

Wer wenig oder gar nicht gebildet ist, scheint also schneller im Gefängnis zu landen.[2]

Zukunftsweisender Ansatz im Strafvollzugsgesetz[3]

Das Strafvollzugsgesetz sieht daher auch vor, dass „Strafgefangene, die keinen Beruf erlernt haben oder im erlernten Beruf nicht beschäftigt werden können, in einem ihren Kenntnissen, Fähigkeiten und womöglich auch ihren Neigungen entsprechenden Beruf auszubilden“ sind.

Bemerkenswert erscheint mir an dieser Formulierung, dass auch die „Neigung“ zu einem Beruf oder einer Tätigkeit berücksichtigt werden soll. Hier öffnet der Strafvollzug sinnvoller Weise den Inhaftierten Freiräume indem er berücksichtigt, dass neigungsgemäßes Lernen eher erfolgreich sein wird.

Eine weitere positive Bestimmung folgt: Die in einem Kurs oder einer anderen Form der Ausbildung verbrachte Zeit wird als Arbeitszeit angerechnet und entlohnt. Dies signalisiert den InsassInnen, dass die Justiz ihren Bildungswillen ernst nimmt.

Auch darauf, dass die im Gefängnis erworbenen Fähigkeiten  und Qualifikationen „draußen“ nicht zu einer Stigmatisierung führen, nimmt das Gesetz Bedacht: „Zeugnisse über eine Berufsausbildung sind so auszufertigen, dass nicht erkennbar ist, dass die Prüfung oder Ausbildung im Strafvollzug stattgefunden hat.“[4]

Der Bedarf an Basisbildung bzw. handwerklicher Berufsausbildung betrifft die größte Personengruppe der Inhaftierten. Die Angebote sind von Justizanstalt zu Justizanstalt verschieden ebenso wie die Umsetzung im Haftalltag.

Alphabetisierung

Nicht jeder Insasse, jede Insassin kann sinnerfassend lesen, wenn sie oder er in Haft kommt. Das erschwert das Leben im Gefängnis. Denn schon beim Zugang erhält der Gefangenen ein Blatt mit der detaillierten Hausordnung ausgehändigt. Wer diese nicht lesen kann, verstößt eher gegen die Regeln mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen. Zudem muss jede Kontaktnahme mit den Betreuungsdiensten schriftlich erfolgen.

Wer nicht selber sein Ansuchen zu Papier bringen kann, ist auf die Hilfe von MitinsassInnen angewiesen. Solche Freundlichkeiten erzeugen Abhängigkeiten.

Dieser Situation Rechnung tragend, bieten viele Haftanstalten Alphabetisierungskurse an.

Ich selber wurde im Rahmen meiner Tätigkeit als Gefängnisseelsorgerin in der JA Wien Josefstadt gebeten, mit einer afrikanischen Frau an deren Alphabetisierung zu arbeiten. Sie war mit acht Jahren nach Österreich gekommen und hatte hier die Volksschule und die Hauptschule besucht. Sinnerfassend lesen konnte sie ebenso wenig wie sich schriftlich verständlich ausdrücken. Zweimal die Woche arbeiteten wir. Die Fortschritte waren gering. Eines Tages fragte ich sie nach ihrer Muttersprache. Fröhlich begann sie auf Französisch zu plaudern. Ich kramte in den Resten meiner Französischkenntnisse, fand dort die wichtigsten Alltagsvokabeln und arbeitete mit ihr hinfort zweisprachig. Der Erfolg stellte sich augenblicklich ein. Wenn sie auch nicht fließend und fehlerfrei lesen konnte, so war sie doch in den vier Monaten bis zu ihrer Entlassung ein großes Stück weiter gekommen.

Unser Glück waren meine rudimentären Französischkenntnisse. Was aber, wenn jemand eine nicht so gängige Erstsprache in das Alphabetisierungsprogramm mitbringt? Dazu sind die Lerngruppen im Gefängnis aus Menschen mit dem unterschiedlichsten Sprach- und Bildungshintergrund zusammengesetzt. Eine schier unerfüllbare Aufgabe für die Lehrenden.

Pflichtschulabschluss

Für jugendliche InsassInnen besteht die Möglichkeit, während der Haft den Pflichtschulabschluss nachzuholen. Auch Erwachsene erhalten in manchen Anstalten diese Chance.

Bis vor wenigen Jahren war die Art der Prüfung für Jugendliche und Erwachsene gleich. Seit 1. Jänner 2012 bietet das BM für Unterricht ein wegweisendes Curriculum, das auf die Bildungsbedürfnisse von Erwachsenen und das Erlernen von alltagstauglichem Wissen und Fertigkeiten ausgerichtet ist.[5]

Frau D. bat mich um Unterstützung, den Pflichtschulabschluss nachzuholen. Nach beinahe zwei Jahrzehnten begann sie wieder für eine Prüfung zu lernen. Zu Beginn ging ihr alles zu langsam. Manches erschien ihr zu mühsam. Mit der Zeit entwickelte sie nicht nur ihre Fähigkeiten sondern auch einen erstaunlichen Ehrgeiz. Zweimal zwei Stunden in der Woche ermöglichte uns die Justizanstalt als Lernzeit. Dazwischen gab ich Frau D. Arbeitsaufträge, die sie gewissenhaft ausführte. Vor ihrer Entlassung legte Frau D. die erste von insgesamt sechs Prüfungen mit Sehr gut ab. Das steigerte ihren Eifer und vor allem ihr Selbstbewusstsein. Sie erzählte, dass sie nicht nur mehr Selbstvertrauen habe, sondern sich auch körperlich wohler fühlte, wenn sie sich mit ihren Lernaufgaben befasste. Es ist zu hoffen, dass sie nach einer Zeit der Eingewöhnung in die Freiheit ihr Ziel weiter verfolgen wird.

Eine Schule, die bereit ist, ihr die Externisten Prüfungen abzunehmen gibt es ja jetzt. Es ist die vierte Schule, wo ich anfragte. Drei lehnten sofort ab, als sie hörten, dass die zukünftige Kandidatin in Haft sei. Dazu ist anzumerken, dass keine Schule verpflichtet ist, Externisten zu prüfen.

Facharbeiter Ausbildung [6]

In  einigen  Anstalten  besteht  die  Möglichkeit  zur  Absolvierung  einer Facharbeiterausbildung.  Die  praktische  Ausbildung  erfolgt  in Lehrbetrieben der  jeweiligen  Justizanstalten,  oder für Freigänger in Betrieben, die in Reichweite der Justizanstalt liegen und bereit sind, Insassen auszubilden. Der theoretische  Unterricht  wird  von  externen  und  internen Ausbildnern abgedeckt.

Die eine herausfordernde Ausbildung das Leben des Insassen verändert, hat Herr B. erlebt:

Er erlernte während seiner Haft den Beruf des Metallfacharbeiters. Jeden Morgen fuhr er mit dem Fahrrad zu seiner Lehrstelle. Der Kurs für die theoretische Ausbildung fand in der Justizanstalt statt. Abends, nach Einschluss, saß Herr B. nicht wie sonst vor dem Fernseher sondern beschäftigte sich mit Mathematik, Physik und Materialkunde. Wenn er bei einem Rechenbeispiel nicht weiter wusste, konnte es schon einmal passieren, dass er läutete und den Beamten im Nachtdienst um Hilfe bat. Herr B. erzählt, dass dieser Beamte und er sich manchmal bis Mitternacht mit einem Beispiel abgemühten, bis sie es „geknackt“ hatten.

Kurzkurse

Eine  reguläre  mehrjährige  Berufsausbildung  ist  naturgemäß  nur  bei  Strafgefangenen  mit  längeren  Freiheitsstrafen  möglich. Deshalb gibt es auch eine  kürzere  Ausbildungsschiene für Menschen mit kürzeren Haftstrafen oder solche, die eine volle Berufsausbildung nicht schaffen würden. Solche sogenannten  Fachkurse umfassen Servier- und Kochkurse, Englisch- und Deutschkurse, Staplerfahrerkurse, EDV-Kurse, Schweißkurse, Kurse zur Persönlichkeitsbildung usw.

Für den Staplerkurs müssen Bewerber einen kleinen Aufnahmetest absolvieren. Martin, ein jugendlicher Insasse der JA Wien-Josefstadt, scheiterte an den Mathematik Aufgaben. Die Formeln zur Berechnung eines Quaders hatte er von seiner Hauptschulzeit noch im Kopf. Die Technik des Multiplizierens hatte er jedoch vergessen und konnte daher die Beispiele nicht lösen. Traurig berichtete er mir, dass er in den Kurs nicht aufgenommen wurde. Bei meinen wöchentlichen Besuchen wiederholten wir ab nun die Grundrechnungsarten. Schnell kam die Fertigkeit zurück. Die von mir mitgebrachten Mathematikaufgaben löste er mit großem Ehrgeiz zwischen meinen Besuchen als Hausaufgaben und freute sich, wenn ich ihm ein Smiley zur Anerkennung auf den Zettel malte.

JA Stein mit eigener Bildungsbeauftragten

Vorbildlich ist in diesem Zusammenhang die JA Stein. Hier steht den Insassen eine eigene Bildungsbeauftragte zur Verfügung. Ein Insasse, den ich seit vielen Jahren begleite, wird von dieser seit Jahren in seinem  Bestreben, Bildung zu erwerben bestens unterstützt. Regelmäßig greift er auf die Möglichkeit zurück, sich mit der Bildungsbeauftragten zu beraten.

JA Garsten – Erster Insasse mit Studienabschluss[7]

Der ehemalige Journalist und wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilte Helmut Frodl soll laut Wikipedia der erste Insasse mit Studienabschluss in Österreich gewesen sein. Im Sommersemester 1995 begann er ein Theologiestudium als außerordentlicher Studierender. Nach Absolvierung der Studienberechtigungsprüfung im Jahr 1998 an der Universität Salzburg wurde er in den Status eines ordentlichen Studierenden übernommen. Am 4. Juni 2007 absolvierte er, durch mehrere Freigänge ermöglicht, an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz ein Theologiestudium mit ausgezeichnetem Erfolg und wurde zum Magister der Theologie spondiert. Die Aussage, er sei bis heute der einzige Österreicher, der während der Haft ein Studium abschloss ist nicht korrekt. Ich selber kenne einen weiteren ehemaligen Insassen, der während der Haft ein Studium begonnen und mit dem Doktorat abgeschlossen hat. Ebenso einige, die die Möglichkeit von Fernstudien in Anspruch nehmen.[8]

Ist das Bildungsangebot für InsassInnen „Gnade“ oder im Interesse aller?

Das Strafvollzugsgesetz sieht in der im Gefängnis erworbenen Bildung ein Element der Rehabilitation.

Aber: Bildung von InsassInnen macht Arbeit. Bildung erfordert den Einsatz von MitarbeiterInnen.

Wenn wegen Krankenständen, Urlaub oder anderen unverzichtbaren Einsätzen Personalknappheit herrscht, bleiben die Lehrwerkstätten geschlossen.

Wenn am Stock nicht die vorgeschriebene Anzahl von BeamtInnen Dienst tun, entfallen die Lernstunden.

Die Information über die Bedingungen und das Curriculum des Pflichtschulabschlusses für Erwachsene ist noch nicht in allen Justizanstalten Österreichs angekommen.

Die Frage, ob disziplinäre Maßnahmen in das Recht auf Bildung eingreifen und dieses beschneiden dürfen, ist nicht geklärt.

Ebenso scheint die Frage in manchen Bereichen der Justiz nicht ausdiskutiert zu sein, ob die Möglichkeit, sich zu bilden, als „Vollzugslockerung“ einzustufen ist.

Weil das Gefängnis ein Abbild der Gesellschaft ist, ist bei angestrebter höherer Bildung auch die finanzielle Situation des Insassen ein Faktor. Fernkurse, Fernstudien kosten Geld. Die Uni Linz bietet ein juristisches Fernstudium an. Zu den Semestergebühren von rund 400.- Euro kommen die Kosten für einen PC oder Laptop und Kosten für die Unterlagen des ersten Studienabschnittes in der Höhe von 1.000.- Euro hinzu.[9] Wer kein eigenes Vermögen „draußen“ oder zahlungsfähige Angehörige hat, wird wohl nicht studieren können.

Post Scriptum

Wenn der geschätzte Leser, die werte Leserin sich fragen sollte: „Warum kümmert sich die Seelsorgerin um Bildung?“, ist die Antwort ganz einfach. Die Reformation ist nicht zuletzt auch eine Bildungsbewegung.

[1] Langenfelder, Bettina: Artikel H wie Häf’n. Basisbildung im Strafvollzug. In: Magazin Erwachsenenbildung. Ausgabe Nr.1, 2007. S. 12-3.

[2]   Siehe dazu auch: Hubka, Christine (2013): Die Haftfalle. Begegnungen im Gefängnis. Edition Steinbauer. S. 103ff.

[3] §48 (1) (2)

[4] Ebd.

[5] http://www.linzer.rechtsstudien.at/de/2/27.html#frage4. 20.5.2017.

[6] Siehe dazu: Langenfelder, Bettina (2007): Artikel: H wie Häf’n. Basisbildung im Strafvollzug. In: www.erwachsenenbildung/magazin. Ausgabe 1/2007. S. 12-1ff.

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Helmut_Frodl 19.5.2017. (zuletzt bearbeitet am 20. Januar 2016 um 17:23 Uhr)

 

[8] Siehe dazu auch Bundesministerium für Justiz (Hg): Strafvollzug in Österreich. 1. Jänner 2013. S.22.

[9] http://www.linzer.rechtsstudien.at/de/2/27.html#frage4. 20.5.2017.

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