Schlagwörter

, , , ,

wintersberger-elisabethEin Bericht von Mag.a Elisabeth Wintersberger, VertretungsNetz-Sachwalterschaft, Linz

 

Es ist eine menschliche, moralische, politische Katastrophe – dass beeinträchtigte Minderjährige im Maßnahmenvollzug geparkt werden, mit dem vermutlich sogar ernst gemeinten Versprechen von PsychiaterInnen und RichterInnen, dass nur so und als letzte Chance und weil es keine anderen Optionen mehr gibt, alles wieder gut werden wird.

Abgesehen davon, dass es wohl als Bankrotterklärung des Sozialstaates interpretiert werden muss, wenn der unbefristete Freiheitsentzug in Justizanstalten als die einzige Möglichkeit adäquater Unterstützung für Jugendliche gehandelt wird, gibt es da auch noch die Vergessensten aller Vergessenen: die seit Jahrzehnten verwahrten, schon lange alternden, hoffnungslos hospitalisierten 21/1er, genauso gnadenlos wie überdosiert „behandelt“, bleiben sie trotz gebetsmühlenartig wiederholter Einforderung dabei, „Krankheitseinsicht“ und „Deliktsbearbeitung“ zu verweigern. Und weil dieser Zirkelschluss – gefährlich weil krank, krank weil krankheitsuneinsichtig, krankheitsuneinsichtig, weil krank und deshalb gefährlich – immer funktioniert, kommen Gerichte Jahr für Jahr zwingend zur selben Schlussfolgerung: Entlassung ist undenkbar.

Und so bleibt er eben das 28. Jahr für eine Drohung und leichte Verletzung eines Gendarmen in Göllersdorf, der 72-jährige, den man anlässlich seiner Verhaftung niedergeschossen und die Schulter im Zuge einer Zwangsbehandlung gebrochen hatte, dem vor kurzem wegen Diabetes ein Unterschenkel amputiert wurde –  und der immer noch als brandgefährlich gilt, der sture alte Mann, der nur noch vor dem Fernseher sitzt und sich an diversen Aktivitäten und „Therapien“ nicht mehr beteiligen will.

Auch die 42-jährige aus reicher, südamerikanischer Familie stammend und seit 18 Jahren im österreichischen Maßnahmenvollzug, wird einmal mehr enttäuscht und verzweifelt aus der Haftverhandlung in den Vollzug zurückkehren. Ihre behandelnden Ärztinnen halten sie für therapieresistent, immer wieder und trotz höchstdosierter Medikation erzählt sie befremdliche Geschichten von Geistern, Vergewaltigungen und unfreiwilligen Operationen, träumt von einem Leben wie jenem ihrer Kindheit in einem schönen Haus am Meer und sie kauft den zehnten Lippenstift, demonstriert damit eine „doch sehr verschobene Realitätssicht“.

Von aggressiven Verhaltensweisen keine Spur, schon seit 10 Jahren nicht mehr – aber man kann einfach nie wissen, „unberechenbar“ wie sie ist und deshalb hat sie es auch noch nicht zu unbegleiteten Ausgängen gebracht, von einer Unterbrechung der Unterbringung ganz zu schweigen.

Das Gespräch mit dem Behandlungsumfeld der Forensik ergibt weder einen Vollzugsplan noch konkrete Schritte, wie eine Entlassung vorbereitet werden könnte – viel zu unpünktlich und inaktiv sei sie, steht nicht um 8 Uhr auf, wie gefordert, mag das „Körpertraining“ nicht und die Kochgruppe, die ihr Spaß gemacht habe, könne leider nicht mehr angeboten werden. Auch habe sie keine konkreten Vorstellungen von einem Leben „draußen“ – offenbar unverständlich für die Behandler, obwohl man weiß, dass sie fast die Hälfte ihres Lebens „drinnen“ verbracht hat. Dass nach vermutlich vielen Jahren der gut verlaufenen Probezeit in einer betreuten Einrichtung vielleicht und irgendwann eine eigene Wohnung möglich sein könnte, darf nicht geäußert werden – die Sachwalterin zerstöre damit jahrelange Arbeit daran, der Patientin klar zu machen, dass es für sie kein freies, selbstbestimmtes Leben mehr geben wird; im übrigen möge sich die Sachwalterin mit dem Behandlungsteam absprechen, wenn Geld zur Patentin fließe, weil das sei Entscheidung des Teams, ob und was und wieviel sich die Patientin kaufen dürfe. Vor welchem rechtlichen Hintergrund? Nichts „Rechtliches“ – ein therapeutisch-pädagogisches Erfordernis. Aja.

Vor Jahrzehnten schleuderte mir ein Psychiater anlässlich meiner Beanstandung, meine Klientin rechtswidrig in der Psychiatrie festzuhalten, entgegen: „ Was wollen Sie immer mit dem Recht, wenn die Menschen Hilfe brauchen!“ – und bis heute scheint sich nichts daran geändert zu haben, dass die „Hilfe“ jeden Rechtsbruch rechtfertigt. Auch den der Menschenrechte. Weil wir´s doch alle nur gut meinen, mit den „Abnormen“, die ja nichts dafür können, dass sie sind wie sie sind. Wofür sie allerdings schon etwas können, ist, sich nicht „helfen“ lassen zu wollen, das wohlmeinende Umfeld mit einer eigenen Meinung zu frustrieren, darauf zu beharren, dass „Krankheit“ eine Definition ist, die man nicht teilen will, Freiheit und Selbstbestimmung Rechtsgüter, Menschenrechte sind, die auch dem Ver-rückten zustehen.

Die UN-Behindertenrechtskonvention verbietet Diskriminierung beeinträchtigter Menschen, untersagt, schlechterstellende Konsequenzen an das Faktum der Beeinträchtigung zu knüpfen und beanstandet insbesondere die Gleichsetzung von psychischer Krankheit mit „Gefährlichkeit“.

Nichts Anderes als Diskriminierung beeinträchtigter Menschen repräsentiert aber die Maßnahme – im Gegensatz zum allgemeinen Strafrecht kennt sie keine Strafbemessung und keine Abstufungen der Sanktionen; gleichgültig ob mehrfacher Mord, nur versuchte Straftat oder dahingesagte Drohung – die Maßnahme kennt nur den unbegrenzten Freiheitsentzug samt Zwangsbehandlung.

Und das ist auch die „Attraktion“ der Maßnahme: ein weitgehend unkontrollierter, rechtsfreier Raum, wie es ihn in den (Langzeit-)Psychiatrien vor Einführung des Unterbringungsgesetzes gab, ein Raum, in dem (endlich wieder) gnadenlos „behandelt“ werden kann, ohne die Einmischung lästiger Gerichte und Patientenanwälte ertragen zu müssen, die den Ärzten über die Schulter schauen und „Recht“ einfordern – weil, was wollen die immer mit dem Recht, wenn die Menschen Hilfe brauchen?!

Advertisements